Reihe Filmklassiker  - Schwarzer Kies

 
Sa., 28.03.2020, 19.00 Uhr
Restaurierte Urfassung, Eintritt 8,- €
 
Drama, Post noir
D 1961, 113 Min., FSK ab 16, Schwarz-Weiß

 

Regie: Helmut Käutner
Mit: Ernst Jacobi, Peter Thomas, Anita Höfer,
Helmut Wildt, Ingmar Zeisberg,Hans Cossy,
Wolfgang Büttner
 
 
Anschließend Filmgespräch mit Anja S., Autorin von:
"Jed Schouer war en Puff: Die Verrufene Zeit in Lautzenhausen"
Das Buch kann erworben werden.

schwarzer kies web

©UFA Film Hansa

 
Anja S., stammt aus dem Hunsrück und ist in der Region aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Germanistik und Kulturwissenschaft. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über die vier außergewöhnlichen Jahrzehnte in Lautzenhausen. Aus dieser Arbeit ist das vorliegende Buch entstanden.
 
In der bäuerlichen Idylle des kleinen Hunsrückdorfes glitzerten einst die Neonschilder der Bars und Nachtlokale. Rund 40 Jahre dauerte die verrufene Zeit. Es ist ein sagenumwobenes Stück Heimat, über das nicht laut gesprochen wird. Selbst heute noch finden sich in "Lautze" Spuren dieser Vergangenheit. Anja S. beschreibt die Bars und das Dorf, die Bauern und die Zuhälter, die Animierfrauen und die Striptease-Tänzerinnen. Sehr anschaulich, oft humorvoll, gut recherchiert und ein bisschen frivol sind die Geschichten, die von der Autorin zusammengetragen wurden.

 

Deutsche und Amerikaner als Notgemeinschaft - Worum geht es in "Schwarzer Kies"?

Schwarzer Kies lc web3Helmut Käutners Film von 1961 gilt heute als einer der interessantesten deutschen Nachkriegsfilme überhaupt.

Käutner zeigt uns ein Dorf im Hunsrück, in dem amerikanische Truppen eine Luftwaffenbasis betreiben. (Gedreht auf der Hahn-Airbase und in Lautzenhausen) Die deutsche Bevölkerung arrangiert sich so gut es geht mit den US-Soldaten - 6000 Amerikanern stehen ein paar Hundert Deutschen gegenüber. Die Basis soll ausgebaut werden, deshalb werden große Mengen an Baumaterial benötigt. Robert Neidhardt ist LKW-Fahrer, der für deutsche Bauunternehmen Kies für die US-Basis transportiert, ein rauer Kerl mit Charme, der es mit den Abrechnungen nicht ganz so genau nimmt und auch mal in die eigene Tasche wirtschaftet. Es ist die große Zeit des Schwarzhandels.

Eines Tages taucht seine alte Liebe Inge wieder auf, die inzwischen mit dem Chef der US-Basis verheiratet ist. Bei einer gemeinsamen Fahrt mit Roberts LKW verunglückt ein junges Paar tödlich. Robert geht nicht zur Polizei, verscharrt die Leichen unter schwarzem Kies. Das Unglück und die Vertuschung lösen eine Kette von tragischen Ereignissen aus.

Neben dieser melodramatisch grundierten Haupthandlung richtet Käutner seine Kameras vor allem auf das Leben in dem fiktiven Örtchen Sohnen, das von der Ferne ein wenig an die Jahrzehnte später von Edgar Reitz inszenierte Hunsrück-Saga "Heimat" erinnert.

Schwarzer Kies lc web2"Schwarzer Kies"   -   Zwei Fassungen

Korruption und Prostitution bestimmen den Alltag in Sohnen. Straßenstrich und Amüsierbetriebe, Wirtschaftskriminalität und herzliche Abneigung zwischen Deutschen und Amerikanern prägen das Zusammenleben der Menschen. Junge und alte Generationen treffen aufeinander. Abends trifft man sich im Club "Atlantic", Deutsche und Amerikaner, Frauen und Männer, Prostituierte und Freier, alle auf der Suche nach ein wenig Zerstreuung. Der Club wird von einem älteren Deutschen betrieben. In einer Szene des Films wird er von einem Alt-Nazi als "Saujud" beschimpft. Daraufhin sieht man kurz die am Unterarm eingravierte Zahlenkolonne des Barbesitzers, die diesen als ehemaligen KZ-Insassen ausweist. Aus heutiger Sicht eine Szene, die nur als Kritik an den latent existierenden antisemitischen Strömungen in der Nachkriegs-BRD zu interpretieren ist.

Diese nur kurze, nicht zentrale Szene führte 1961 zu einer Strafanzeige wegen vermeintlichen Antisemitismus. Die Staatsanwaltschaft verzichtete aber darauf, gegen die Freigabe des Films vorzugehen. Trotzdem entschied sich die produzierende UFA damals, die Szene aus dem Film zu entfernen. Auch das düstere Ende wurde umgeschnitten und durch eine nicht ganz so pessimistische Schlusssequenz ersetzt. Ein Happy End gab es allerdings auch in dieser "entschärften" Version nicht.

In der Folge lief "Schwarzer Kies" vor allem in der geschnittenen Fassung, erst 2009 wurde die Ur-Version wieder aufgeführt. Nach der Digitalisierung ist der Film wieder in seiner ursprünglichen Form zu sehen: "Ein herausragendes Beispiel für den unverstellten Blick auf die Abgründe der westdeutschen Nachkriegsrealität", so Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek, "eine Rarität, die nun wieder entdeckt werden kann."

Ein deutscher Nachkriegsfilm, der den Begriff "Heimatfilm" in ein ganz neues Licht rückt.

Leseempfehlung  :

https://www.critic.de/film/schwarzer-kies-10719/

Szenenbilder : ©concorde